Auf dem Prüfstand: das Auto der Zukunft

Es war ein denkwürdiges Signal: Auf der Auto-Mobility LA 2018 in Los Angeles zeigte die traditionsreiche schwedische Automarke Volvo erstmals überhaupt bei einer Automesse kein einziges Fahrzeug auf ihrem Messestand.

Dauerstau, Chaos in den Städten, Pendlerkarawanen, Umweltbelastung, Feinstaub, Dieselskandal, etc. – kaum ein anderes Thema beschäftigt die Menschen so sehr und so unmittelbar wie die Zukunft des Autoverkehrs. Tatsächlich sind die meisten von uns täglich mit diesen Problemen konfrontiert. Kein Zweifel, das Objekt Auto befindet sich in einem fundamentalen Umbruch – und das in jeder Beziehung. Aus dem für Otto Normalverbraucher unerreichbaren Traum von einst ist längst ein lästiger, doch unverzichtbarer Zeitgenosse geworden.

Schöne neue Welt

Es fehlt ja nicht an faszinierenden Lösungsansätzen: Beliebte Buzzwords wie E-Mobilität, Brennstoffzelle, Carsharing, Autonomes Fahren, Lufttaxis etc. füllen die Schlagzeilen und Diskussionsrunden. Und unterstreichen damit die Umbruchsituation. Das haben natürlich auch die großen Konzerne entdeckt und sie arbeiten – mehr oder weniger überzeugend – am Automobil der Zukunft. Entsprechend vielfältig sind die Prognosen. Mal sitzt man in gemütlicher Runde, während das Auto autonom fährt, mal allein in einer Art rollender Eizelle, mal bewegt man sich auf vier, drei, zwei oder gar keinen Rädern, ähnlich wie der berühmte Ingenieur Daniel Düsentrieb schon vor gut 60 Jahren. Werden wir im künftig automatischen Auto gleichsam schwere- und sorgenlos von A nach B transportiert, während wir essen, spielen, schlafen oder uns rasieren? Letzteres gibt es bereits, etwa in Mexico City, wo die Menschen auf dem Weg zur Arbeit Stunden im Fahrzeug verbringen.

Das Ideal ein Ideal?

Überhaupt haben manche der automobilen Visionen durchaus Verwandtschaft mit Science-Fiction-Geschichten. Wenn man jedoch die Fahrzeug-Entwicklung der letzten 100 Jahre betrachtet, sind diese vielleicht gar nicht so abwegig. Dabei gilt es allerdings zwei Aspekte kritisch zu betrachten: Nach wie vor scheint das olympische „Schneller, höher, weiter“ zu gelten; z. B. sind auch für die E-Mobilität Motorstärke, Beschleunigung und Reichweite entscheidende Kriterien. Auch wenn man überwiegend im täglichen Stop-and-go-Modus im Durchschnitt nur 30 Kilometer pro Tag zurücklegt. Eng damit verbunden ist die Visualisierung des Individualverkehrs der Zukunft, der – glaubt man den Illustrationen in Konzepten, Vorträgen und Broschüren – auf fast leeren Straßen stattfindet. Eine gefährliche Illusion, hat sich doch die seit den 1960er-Jahren propagierte „autogerechte Stadt“ als verhängnisvoller Irrweg erwiesen, unter dem die Metropolen der Welt heute leiden. Und dabei ist das Auto nicht der Alleinschuldige.

Die neue Stadt

Der künftige Stadtverkehr wird sich in seiner Komplexität und mit den vielfältigen Anforderungen nur durch ein intensives Miteinander von Mobilität, Stadtplanung, Architektur, neuen Arbeits- und Logistikmodellen sowie Work-Life-Balance-Konzepten (Stichwort: Städtetourismus) managen lassen. Schon heute leben rund 55 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, bis 2050 werden es über 68 Prozent sein. Die digitale Vernetzung unterschiedlicher Mobilitätsinstrumente, vom Fahrrad über ÖPNV bis zu autonomen (?) Fahrdiensten und Carsharing, könnte dafür die Basis sein. Vorausgesetzt die Attraktivität der Verkehrsmittel entspricht den Ansprüchen der Nutzer. Das eigene Auto wird verzichtbar.

Strukturwandel

Doch nicht nur das Automobil selbst und die Mobilität generell müssen sich massiv verändern. In Fernost werden Zukunftsvisionen schon Realität: In China gibt es Städte, in denen die E-Mobilität bereits Standard ist, das rohstoffarme Japan investiert in Wasserstoffantriebe, der Stadtstaat Singapur setzt auf alternative Antriebe und eine rigide Verkehrspolitik. Das hat Folgen für die Produktion, auch bei den Zulieferbetrieben. Denen kommt bei der Veränderung der Automotive-Branche inzwischen ohnehin eine Schlüsselstellung zu.

Die wahren Meister

Immer mehr und häufiger sind sie die Träger und Treiber von Innovationen. KMUs entwickeln sich zu hochrangigen Spezialisten in komplexen Detailbereichen, verfügen über dynamische Entwicklungsabteilungen und beliefern den globalen Markt. Ein Trend, der den großen OEMs Forschungskosten spart, der den Spezialisten aber auch neue Chancen eröffnet. Mit Digitalisierung, Internet of Things, Sensorik, Robotik und Additive Manufacturing (professioneller 3D-Druck) können heute auch Außenseiter und Start-ups dem Markt neue Impulse geben. Elon Musk hat es vorgemacht, Google, Apple und noch weithin unbekannte Investoren aus China, Korea oder Japan können folgen.

Grenzüberschreitung?

Die Deutsche Post hat bekanntlich ein eigenes Lieferfahrzeug mit E-Antrieb auf die Räder gestellt, bei Lightyear im niederländischen Eindhoven entsteht eine Limousinenproduktion mit Solarantrieb aus einem Hochschulprojekt heraus. Ein Risiko für die Etablierten? Oder die Rettung? Wer sich nicht auf den kontinuierlich wachsenden Absatzzahlen ausgeruht hat,dem bietet sich die Chance zur Diversifikation – kunden-, länder- und branchenübergreifend. Denn längst ist das Auto ein hochkompliziertes Wesen aus einer Fülle von unterschiedlichenTechnologien, auch dank der hochspezialisierten Zulieferer von Elektronik, Sensorik, Miniaturisierung, Leistungssteigerung, Innenausstattung, Kommunikations- und Klimatechnik. Dieses konzentrierte Wissen kann auch für völlig andere Wachstumsbranchen wertvoll sein. Gerade dann, wenn die klassische Automobilherstellung nicht mehr die alles bewegende Schlüsselindustrie sein sollte. 

Es bleibt also spannend. Eine wirkungsvolle Kombination aus Tradition und Innovation, aus Erfahrung und Neugier ist mehr denn je gefordert. Mentale Mobilität wird zum entscheiden den Erfolgsfaktor – aber die hat marktbewusste Unternehmen schon immer ausgezeichnet.

Herbert Lechner M.A. entwickelt und betreut, teilweise als verantwortlicher Redakteur, analoge wie digitale Kommunikations- und Medienkonzepte für Verlage, Institutionen und Unternehmen, unter anderem zu Themen wie Logistik, Umwelttechnik und Marketing. Vorträge und Fachartikel zu Design, Markenkultur, Typografie und Editorial Design, z. B. regelmäßig in novum – World of Graphic Design.